Dresden Neustadt

Was für ein Glück, dass ich morgens in Dresdens Neustadt war. Zu verlockend waren die Auslagen in den kleinen Geschäften und gemütlichen Cafés, die freitags um 10Uhr noch sehr verschlafen dreinschauten. Vereinzelte Hipstermamis, geschlossene Bars, und ein leichter Nebelschleier verliehen dem Viertel einen Hauch von Frühjahrsmüdigkeit kurz vor dem Erwachen. In den Hinterhöfen pulsierten bereits die kunterbunten Fassaden, erhellt durch die ersten Sonnenstrahlen. Sie bilden den pochenden Herzschlag des Viertels.

Here comes the Sun

Mit dem gleichnamigen Beatlessong im Ohr und einem Lächeln im Gesicht bin ich heute ein weiteres Mal dem nasskalten NRW entflohen. Seit dem Jahreswechsel führten mich meine Reisen nach Amsterdam, in den Harz, nach Heiligenhafen, nach Karlsruhe und heute schließlich nach Dresden. Mit Blick auf die Reisezeit und die Wetterkarte könnte man geneigt sein zu glauben, ich sei in den Süden geflogen, denn statt der, leichten Herzens zurückgelassenen, 4Grad Höchsttemperatur, empfing mich die sächsische Perle an der Elbe mit 22Grad und purem Sonnenschein.

Oft höre ich, dass die Sonne aufgeht, wenn ich den Raum betrete. 2019 bezweifele ich, ob das (ausschließlich) an meine Ausstrahlung liegt, oder ob ich die Sonne nicht wahrlich im Schlepptau habe. So oder so, bin ich sehr, sehr dankbar dafür; für Beides. Ich genieße ihre wärmenden Strahlen, die durch den Körper hindurch das Herz berühren, die die Lust auf und an dem Frühling wecken, auf luftige Kleidung, Bewegung an der frischen Luft, auf Begegnungen jenseits der heimischen Höhle des Winterdomizils und natürlich auf Eis in den verrückteste Geschmacksrichtungen.

Zeit des Aufbruchs. Wieder einmal. Auch für mich. 24 Stunden in der Metropole. Danach 48 Stunden bei Freunden. Rückkehr. 8 Stunden mit dem Freund. 8 Stunden Studium. 4 Stunden mit einer Freundin. 9 Stunden auf der Arbeit… Mein aktueller Puls der Zeit. Frühling. Aufbruch. Expedition. (Er)Leben. Reisen. Genießen. Wachsen. Strahlen. Wie die Frühblüher – jeden Tag ein Stück mehr.

Signalstörungen

Senden. Empfangen. Ergebnis. Klingt simpel, fast wie „Malen nach Zahlen“. Man nehme Punkt 1 und verbinde ihn mit Punkt 2 und fertig ist die Linie. Soweit zur Theorie. Der tägliche Alltagswahnsinn offenbart uns das Gegenteil. Ob, wann und wie die beiden Punkte sich finden, wirkt um Einiges beliebiger. Mathematische, physikalische, (kommunikations)technische, menschliche Präzision? Fehlanzeige.

Auslöser für die Überlegungen zu den Signalstörungen aller Art? Natürlich. Eine Fahrt mit der Bahn. Eine lange Fahrt. Bis zur Endstation sammelten wir Signalstörungen erst an der Tür, dann am Triebwagen und zusätzlich noch auf der Strecke, Fahrzeitexpansion inklusive. Funklöcher als klassisches Give Away zum Warten in der Pampa.

Aber woran liegt es nun, dass Punkt 1 den Punkt 2 nicht findet?: Fehlendes Signal? Ein Signal auf Umwegen? Endliche Registrierung des Signals. Aber dann? Ignoranz. Weiterverarbeitung = 0.

Fehlt es an der gemeinsamen Wellenlänge? Geht das Signal vielleicht einfach unter in der Vielzahl der Sendemasten unseres Lebens?

Reizüberflutung. Virtuell. Real. Permanente Verfügbarkeit. Permanenter Input. (Ver)Arbeit(ung)sverweigerung zum geistigen Systemerhalt?

Es knirscht.

Aufbruch

Jeden Morgen stehen wir vor der Wahl, ob wir zur Arbeit trotten, die uns vielleicht gar keinen Spaß macht, um Geld für Dinge zu verdienen, die wir eigentlich gar nicht brauchen, oder ob wir hinausziehen und die Welt erkunden, Geschichten und Erinnerungen sammeln, an die wir später gern zurückdenken. Ich persönlich finde Menschen mit Reiseerfahrungen viel interessanter als Menschen mit Statussymbolen. Erlebnisse, Abenteuer, gelebte Leidenschaften und Begegnungen lassen mich staunen und ziehen mich in ihren Bann; Fotos oder Berichte über mein Haus, mein Auto, mein Schiff hingegen kaum. Dabei gibt es an jeder Ecke so viel zu entdecken. Überall lauern potentielle Reiseabenteuer und -erkundungen im Überfluss. Das Einzige, was uns davon trennt, ist der erste Schritt vor die Tür. Wenn man diesen Schritt auch noch gemeinsam gehen kann, entsteht nicht selten Gesprächsstoff, der sich über Jahre hält. Ihr kennt sicher alle diese Abende, die mit „Weißt du noch…?“ beginnen und tief in der Nacht mit Bauchschmerzen vor Lachen enden?! Gedanken wie diese brachten mich dazu, gestern spontan einen Ausflug  zu unternehmen. Nicht einmal die Wettervorhersage konnte mich davon abhalten. Als mir dann auch noch ein guter Freund seine Begleitung für diesen Spontantrip zusicherte, war ich so gut wie unterwegs. Das Leben findet draußen statt und nicht zu Hause auf der Couch. Es tut einfach so gut, aktiv zu sein, die facettenreichen Eindrücke (unbekannter) Städte und ihrer Bewohner in sich aufzusaugen, mit aufmerksamen Blicken durch die Straßen zu schlendern, über beobachte Episoden zu schmunzeln, sich an Dekorationen zu erfreuen oder auch mal innerlich den Kopf zu schütteln, Kilometer um Kilometer den eigenen Horizont zu erweitern, über den Tellerrand der eigenen, selbst erschaffenen Alltagswelt hinauszublicken wie wir es einst als neugierige Kinder taten – unerschrocken, unvoreingenommen und unaufhaltsam.